Wissen Was Man Hat



Arzt testet Kniereflex bei Patienten

Dank des Portals wird Medizinerlatein für den Otto Normalverbraucher verständlich. Foto: LIGAMENTA, pixelio.de, www.ligamenta.de

Wir gehen zum Arzt, weil es uns schlecht geht und wir wissen wollen, was man dagegen tun kann. Manchmal qualmt uns der Kopf vor lauter medizinischen Fachbegriffen – schlauer sind wir aber trotzdem nicht. Auf washabich.de helfen Studenten und Ärzte ratlosen Patienten, indem sie Medizinerlatein in Patientendeutsch übersetzen.

„Sie haben Cephalgie!“ Ob man gerade von fleischfressenden Bazillen befallen wird oder nur einen Schnupfen hat, wer weiß das schon? Medizinische Begriffe und ihre oftmals lateinische Herkunft machen es Otto Normalpatient nicht gerade leicht, Atteste und Rezepte zu verstehen. Dabei heißt Cephalgie nur, dass man Kopfschmerzen hat…

Hilfe von Profis

Im Jahr 2011 beschlossen Anja Bittner, Johannes Bittner und Ansgar Jonietz eine Lösung für das Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patient zu finden. Auf ihrer Seite washabich.de können Nutzer ärztliche Befunde einschicken und sie von ehrenamtlichen Medizinern und Medizinstudenten übersetzen lassen. „Wir achten vor allem drauf, leichte Sprache zu verwenden. Wir wissen ja nichts über den Patienten: Seinen Bildungsstand, was er über seine Krankheit bereits weiß, ob eventuell ein Migrationshintergrund vorliegt“, verdeutlicht Ansgar.

Ganz wichtig: Die Befunde dürfen nur übersetzt werden und keine Behandlungsratschläge enthalten. Anne Lebsa, Medizinstudentin aus Greifswald, arbeitet seit fast drei Jahren für washabich.de und erklärt: „Es passiert schon oft, dass Nutzer Fragen einschicken oder im Feedback zur Übersetzung formulieren, die wir nicht beantworten können, dürfen und sollten. Es wäre verantwortungslos, anhand der wenigen Informationen, zu einer Behandlung zu raten. Ich verweise dann die Patienten an den behandelnden Arzt.“

Finger weg von Google!

Schon im Studium realisierten Ansgar und Johannes, wie wichtig so ein Projekt ist. Von Freunden und Bekannten wurden sie immer wieder auf unverständliche Befunde angesprochen. Irgendwann fragten sie sich, was diese Menschen machen würden, wenn sie keine Mediziner im Bekanntenkreis hätten.


Bereits im Studium bemerkten Anja, Johannes und Ansgar, wie schwierig Befunde von Patienten zu verstehen sind. Foto: washabich.de

Scheinbar ist das Phänomen in Medizinerkreisen bekannt – seit Projektbeginn haben über 700 Mediziner bei washabich.de. mitgewirkt. Die meisten von ihnen sind sogenannte Übersetzer – Medizinstudenten im mindestens achten Semester oder ausgelernte Ärzte. Sie durchlaufen zu Beginn ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit eine Ausbildung. Während dieser halten sie bei übersetzten Befunden stets Rücksprache mit einem Supervisor, also einem erfahrenen Arzt im Team.

„Wir haben auch gemerkt, wie viel man als Mediziner selbst lernt: Das Bewusstsein für die eigene Fachsprache. Und die Patienten sind natürlich froh, wenn sie jemanden haben, der ihnen den Befund erklärt. So müssen sie nicht anfangen, zu googeln oder in irgendwelche Foren zu schreiben, wo teilweise sehr zweifelhafte Informationen zurückkommen“, so Ansgar über die Vorteile für beide Seiten.

Flexibel und ehrenamtlich

Anne Lebsa ist mittlerweile nicht nur Übersetzerin, sondern auch Supervisorin bei washabich.de. 140 Übersetzungen hat sie angefertigt und etwa 180 betreut. „Das Gute ist, dass ich selber entscheiden kann, wann und welche Übersetzungen ich übernehmen oder wie viele Studenten ich betreuen will“, erzählt Anne.

Seit fünf Monaten ist auch Alvyda Penning, Assistenzärztin im Bereich der Nuklearmedizin aus Münster dabei. Sie schätzt vor allem den sozialen Aspekt an dem Projekt: „Jedem Patienten ist es möglich, einen Befund einzuschicken. Ob mit oder ohne großes Portemonnaie.“

Feedback für die Seele

Die Übersetzer haben in ihrer Arbeit Zugang zu einer Online-Plattform, einer Art Mini-Facebook, wo gechattet werden kann und Fachfragen gestellt werden. „Hier landen nach erster Sichtung die eingeschickten Befunde und die Mediziner können sich die Befunde aussuchen, sei es weil sie sich in dem Bereich besonders gut auskennen oder noch etwas lernen wollen“, erklärt Ansgar.


Patienten sollen nicht nur therapiert, sondern auch kuriert werden.

Foto: Kiss My Buttercream, flickr.com,

CC-Lizenz (CC BY-NC-SA 2.0)

Nach fertiger Übersetzung können die Patienten ein direktes Feedback geben. „Es ist teilweise überwältigend, wie dankbar die Patienten sind bzw. wie hilfreich unsere Übersetzung war“, sagt Ansgar. Auch für Alvyda und Anne sind diese Rückmeldungen sehr motivierend. Medizinstudentin Anne erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Nutzer mit einer Krebserkrankung mit ihrer Übersetzung so zufrieden war, dass er sie sich explizit für seine Folgebefunde als Übersetzerin gewünscht hat: „Ich habe dann für ihn drei oder vier Übersetzungen gemacht. Das war sehr interessant, weil ich dabei eine Entwicklung verfolgen konnte“, erzählt Anne.

Das Problem an der Wurzel packen

Mit ihrem Projekt wollen Ansgar, Johannes und Anja das Verständigungsproblem zwischen Arzt und Patient an der Wurzel packen: „Wir können nicht alle Befunde übersetzen, aber der Mediziner, den wir ausgebildet haben, der wird die nächsten 40 Jahre bessere Patientengespräche führen“, erklärt Ansgar. Anne kann bestätigen, dass der Ansatz vielversprechend ist: „Wenn ich jetzt mit Patienten spreche, merke ich, dass es mir leichter fällt, Sachverhalte einfacher und für die Patienten verständlicher zu formulieren.“

Aus diesem Grund können Studierende an der TU Dresden seit dem letzten Semester eine Übersetzerausbildung machen und dies in ihrem Studium anrechnen lassen. Zum kommenden Semester soll das Projekt auf weitere Unis ausgeweitet werden. Außerdem soll in einem vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Pilotprojekt, Patienten direkt bei deren Entlassung ein laienverständlicher Patientenbrief mitgegeben werden. „So machen wir uns zwar vielleicht selbst überflüssig, aber damit kommen wir schon klar“, kommentiert Ansgar die beiden Projekte lachend.

Die Initiatoren von washabich.de werden von festen Partnern, wie der AOK oder der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland unterstützt. Das Projekt ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem von der gemeinsamen Initiative von Wirtschaft und Bundesregierung „Deutschland – Land der Ideen“. Ihr habt selbst Verständnisfragen zu eurem Rezept oder wollt noch mehr Infos zu Projekt, dann schaut auf washabich.de/ vorbei.

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